<< zurück / back

Ulrike Klöppel

"Die Geburt eines Kindes mit ambivalenten Genitalien ist ein psychosozialer Notfall."[1] Zum Verhältnis von Macht und Gewalt, Normierung und Normalisierung in der Problematisierung "uneindeutigen Geschlechts"

 

Bis heute gelten die Mitte der Fünfziger Jahre formulierten Leitlinien, nach denen Neugeborene mit "uneindeutigen" Genitalien möglichst umgehend und auf der Grundlage einer Beurteilung durch MedizinerInnen dem männlichen oder weiblichen Geschlecht definitiv zuzuordnen sind. Die Geschlechtsfestlegung gleich nach der Geburt bedeutet für alle Menschen, nicht nur für Intersexuelle, dass eine eigene Entscheidung über die Geschlechtszugehörigkeit normalerweise nicht vorgesehen ist.[2] Doch während bei "eindeutigen" Genitalien die Geschlechtszuordnung nach Kriterien erfolgt, die als unzweifelhaft "objektiv" gelten, weil sie das "wahre" Geschlecht repräsentieren, gilt bei Intersexualität eine Rationalität der "optimalen", "praktikablen" Geschlechtszuordnung: Sie richtet sich nicht nach den Chromosomen oder Keimdrüsen, sondern in erster Linie nach den Möglichkeiten der "Vereindeutigung" der äußeren Genitalien durch chirurgische und hormonelle Eingriffe, die bereits in den ersten Lebensjahren erfolgen resp. einsetzen sollen, um eine "ungestörte Geschlechtsidentitätsentwicklung" zu ermöglichen. Damit ist den ExpertInnen innerhalb gewisser behandlungstechnischer und psychologischer Axiome ein Entscheidungsspielraum eröffnet, nicht aber den Betroffenen selbst.

Michel Reiter, Mitbegründer der "Arbeitsgemeinschaft gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie", spricht angesichts der  irreversiblen Folgen der im engeren Sinne medizinisch nicht notwendigen Eingriffe von "geschlechtlichen Zwangszuweisungen". Wie Reiter sehen einige Intersexuelle in der medizinisch-psychologischen Behandlung eine Gewaltausübung, die die Aufrechterhaltung zweigeschlechtlicher und heterosexueller Normen erzwingen soll. Während eine solche Kritik die Situation der Betroffenen zu erfassen vermag, begreift man damit m.E. nicht, weshalb die Behandelnden, die Eltern, ohne deren Zustimmung die Behandlung nicht erfolgen kann, aber auch manche Intersexuelle, die Bundesregierung und vermutlich weite Teile der Gesellschaft in den frühzeitigen Eingriffen eine "verantwortungsvolle" Vorgehensweise sehen, die angesichts eines "schwerwiegenden" psychosozialen Problems die beste Lösung bietet.

Zudem kann eine Beschränkung der Analyse auf Gewaltverhältnisse nicht das breite und immer wieder aufflammende naturwissenschaftliche Forschungsinteresse an "Fällen" von Intersexualität erklären, die als inkompatibel mit den Kodifizierungen der Geschlechtskategorisierung oder den Geschlechtsentwicklungstheorien problematisiert werden. In vielen kritischen Analysen[3] wird allein in den Blick genommen, wie angesichts solcher wissenschaftlicher "Probleme" mit "geschlechtlicher Ambiguität" die Geschlechtergrenze neu gezogen wird, während der Hermaphroditismus als "unvollkommenes", "minderwertiges" männliches oder weibliches Geschlecht positioniert wird. Aufgrund dieser Beobachtung werden Hermaphroditen als "Krise", als "Verstörung" der rigiden zweigeschlechtlichen Kategorisierung dargestellt, provoziert durch ihre "ungewöhnliche", "ambige" Anatomie. Die Medikalisierung der "problematischen Körper" sei der Versuch, diese "Herausforderung" unter Kontrolle zu bringen, indem der Hermaphroditismus biologisch abqualifiziert, sozial verworfen und chirurgisch unsichtbar gemacht werde. Während solche Analysen die Kategorien "weiblich/männlich" als soziokulturelle Grenzziehungen betrachten, naturalisieren sie andererseits durch die Behauptung der Augenfälligkeit und Auffälligkeit des "ungewöhnlichen" im Verhältnis zum "gewöhnlichen" Körper die Kategorie "Hermaphroditismus" und den Verwerfungsakt.[4]

I.

Demgegenüber schreibt mit seltener Klarsicht der Gynäkologe Constantin J. Bucura in seiner Studie "Geschlechtsunterschiede beim Menschen" von 1913: "Für jede Theorie der Geschlechtsmerkmale ist der Pseudohermaphroditismus ausgeschrottet worden. Und es ist selbstverständlich, daß er überall hineinpaßte und jede, auch die disparateste Theorie zu stützen vermochte, da ja seine Ursachen und seine Deutung nur Hypothesen sind, die sich dem zu Beweisenden jeweils anpassen lassen." (S. 152). Die Problematisierung "geschlechtlicher Uneindeutigkeit" als "Krise" der wissenschaftlichen Anordnungen reagiert m.E. nicht auf eine "natürliche" Provokation, sondern muss als eine Herausforderung begriffen werden, die sich die wissenschaftliche Gemeinschaft selbst stellt. Wenn man die Genese solcher "Probleme" in den Blick nimmt, zeigt sich, dass bestimmte zufällige Begegnungen und Ereignisse in der ärztlichen Praxis, die als "Fälle" von Hermaphroditismus herausgestellt und in der Fachliteratur als kasuistische Beiträge veröffentlicht werden, lange Zeit als unproblematisch gelten, bevor sie als "Problem" rekapituliert werden. Insofern verstehe ich die Problematisierung als einen Hervorbringungsakt, der unter bestimmten Kriterien ausgewählte "Fälle" von Hermaphroditismus zu "Prüffällen" der wissenschaftlichen Geschlechtskodifizierungen erhebt. Der Fokus dieser wissenschaftlichen Problematisierung ist dabei nicht, die Distinktionsmerkmale der Geschlechtskategorisierung ein für allemal zu fixieren, im Gegenteil: Immer wieder aufs Neue werden die wissenschaftlichen Definitionen und Verfahren der Sichtbarmachung des Geschlechtsunterschieds und der Geschlechtsentwicklung im Verhältnis zur diagnostischen und sozialen Einordnung des Hermaphroditismus problematisiert und damit divergierende Aussagen und Praktiken hervorgerufen. Die Hinterfragung dient dabei einer fortwährend erneuerten, integrativen Reartikulation der Geschlechtsdefinitionen und Neuausrichtung der klinischen Praxis. Doch während diese Problematisierung einerseits solche Veränderungen eröffnet und einfordert, affirmiert sie andererseits als unhinterfragte Voraussetzung, dass die zweigeschlechtliche Kategorisierung eine natürliche Gegebenheit sei. Zweigeschlechtlichkeit wird als optimale Voraussetzung einer "gesunden" Reproduktion des Gesellschaftskörpers gegen die als "dysfunktional" abgewertete geschlechtliche "Uneindeutigkeit" abgegrenzt. In diesem Spannungsverhältnis von Ableitung und Abgrenzung werden die Geschlechtskategorien systematisch sichtbar gemacht, objektiviert und hierarchisch angeordnet. Durch diese grundlegende Abgrenzung bei gleichzeitiger Transformation des genauen Grenzverlaufs leistet die Problematisierung "uneindeutigen Geschlechts" – das ist meine erste These - für die wissenschaftliche Geschlechtskonstruktion eine flexible Grenzregulierung.

II.

Ausgehend davon will ich zeigen, dass das gegenwärtige Behandlungsvorgehen, gestützt auf die wissenschaftliche Problematisierung "uneindeutigen Geschlechts", primär auf einer sozialregulativen Problematisierungsweise und Rationalität beruht, deren Einfallstor seit den Fünfziger Jahren die Objektivierung der "Geschlechtsidentität" ist. Anhand des Schreckgespensts psychischer und sozialer Dysfunktion entfacht diese eine Sorge um die Geschlechtsidentitätsentwicklung von Kindern mit "uneindeutigen" Genitalien: Beschworen wird eine Gefahr mangelnder (Selbst-)Einordnung als Mann oder Frau und Nichterfüllung der Geschlechtsrollenerwartungen sowie daraus folgender psychosozialer Destabilisierung der Betroffenen und des gesellschaftlichen Umfelds, sofern die Genitalien nicht korrigiert werden. Diese Problematisierung behauptet sich durch modulierende und normalisierend-integrative Führungs- oder Steuerungstechniken, auf deren Grundlage erst die geschlechtliche Zwangsnormierung von Kleinkindern zum Tragen kommt, so meine zweite These.

III.

Im Anschluss an eine Analyse der Axiome dieser sozialregulativen Problematisierungsweise und Rationalität anhand der bislang in deutschen medizinisch-psychologischen Publikationen zur Behandlung von "Intersexualität" vorherrschenden Thematisierungen, werde ich auf die Entstehung derselben in den Fünfziger Jahren eingehen. An den damaligen fachinternen Diskussionen in deutschsprachigen Veröffentlichungen lässt sich zeigen, dass die skizzierte sozialregulative Problematisierung "uneindeutigen" Geschlechts als Risikofaktor einer psychopathologischen und dissozialen "Störung" bei ihrem Erscheinen um 1955 keineswegs als "selbstevident" oder "adäquat" und ihre Lösungsstrategie als "humanste" Vorgehensweise erschienen ist. Vielmehr waren Problemstellung und Lösung in der Fachöffentlichkeit umstritten. Aber auch nicht neue technische Erfindungen führten die Transformation herbei; Techniken wie die der Genitalchirurgie und der Hormonbehandlung wurden im Gegenteil bereits seit einiger Zeit erprobt, von einigen begrüßt, von anderen abgelehnt. Erst durch die enge Verzahnung von Geschlechtsentwicklungstheorie und Behandlungstechnik, wissenschaftlicher und sozialregulativer Problematisierung, die mit einer Reartikulation der Natur/Kultur-Unterscheidung einherging, fanden sie Akzeptanz, so meine dritte These.

Die Ausführungen zu diesen drei Thesen werde ich im Vortrag mit kurzen Erläuterungen zu den von mir im Anschluss an Michel Foucault verwendeten analytischen Kategorien verbinden. Mit meiner Analyse der medizinisch-psychologischen Problematisierung "uneindeutigen Geschlechts" möchte ich deutlich machen, dass es sich keineswegs um ein Spezialproblem weniger "Betroffener" handelt, wie die Rhetorik der Fachliteratur nahe legt, sondern um ein Problem, das sich einer Gesellschaft stellt, deren sozioökonomische Organisation auf einer eindeutigen Klassifizierbarkeit in männliches und weibliches Geschlecht gründet.


[1] So der Kinderarzt Gernot H.G. Sinnecker.

[2] Die Sonderregelungen über "Änderungen" – bei Transsexualität - oder "Korrekturen" – bei Intersexualität - des amtlichen Geschlechtseintrags gründen nicht auf dem Zugeständnis einer "eigenen Entscheidung". Sie beruhen vielmehr gemäß Transsexuellengesetz auf der Attestierbarkeit einer "Zwangsvorstellung", im anderen Geschlecht als dem bei Geburt zugewiesenen leben zu müssen, und entsprechend einer Bestimmung des Personenstandsgesetzes auf der ärztlichen Bescheinigung einer "irrtümlichen Geschlechtsfeststellung bei Geburt".

[3] Vgl. z.B. Julia Epstein, "Either/Or - Neither/Both: Sexual Ambiguity and the Ideology of Gender", Genders 7, 1990, S. 99-142; Alice Dreger, "Hermaphrodites and the Medical Invention of Sex", Cambridge, London 1998; Anne Fausto-Sterling, "Sexing the Body", New York 2000.

[4] Vgl. z.B. die Interpretation der entsprechenden These von Judith Butler durch Sharon E. Preves in "Sexing the Intersexed: An Analysis of Sociocultural Responses to Intersexuality", Signs 27/2, 2002, S. 523-556.