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Joscha Wullweber

Nanotechnologie – Die Konstruktion der nächsten technologischen Revolution


Die Nanotechnologie gilt als „Zukunftstechnologie“, als „Schlüsseltechnologie“, als die Technologie des 21. Jahrhunderts schlechthin. An sie knüpfen sich Hoffnungen auf die nächste industrielle Revolution. Die Nanotechnologie scheint das Potential zu haben, Produktionsprozesse zu revolutionieren und völlig neue Materialien zu erschaffen. Gleichzeitig eröffnet sie neue Formen und Möglichkeiten der Inwertsetzung – der molekulare Raum stellt sich aus dieser Sicht als eine weiße Landkarte dar, auf der nun Claims in Form privater Eigentumsrechte abgesteckt werden. Eine machtvolle Technologie mit erheblichen Auswirkungen auf ökonomie und Gesellschaft scheint sich gerade zu entwickeln. In diesem Beitrag wird die Entstehung neuer Technologien innerhalb von Interessen und Machtkämpfen verortet und die Kontingenz, also die Nichtvorhersagbarkeit und Nichtdeterminiertheit solcher Prozesse betont. Gleichzeitig wird die Nanotechnologie nicht als einzelne Technologie, sondern vielmehr als Mythos, als gesellschaftliches Projekt verstanden und der Frage nachgegangen, welche Interessen hinter diesem Mythos stehen.

Der Begriff „nano“ leitet sich vom griechischen Wort für Zwerg ab. Ein Nanometer (nm) ist ein Milliardstel Meter (10-9m bzw. 0,000000001m). Mit dem Begriff Nanotechnologie werden heute im Allgemeinen verschiedene Methoden bezeichnet, die Materie im Bereich zwischen 100 Nanometern bis hinunter zu der Größe von Atomen (ca. 0,2nm) analysieren und strukturieren. Allerdings wird der Begriff Nanotechnologie in verschiedenen Kontexten so unterschiedlich verwendet, dass die winzige Dimension, auf der operiert wird, die einzige charakteristische Eigenschaft zu sein scheint, auf die sich alle AkteurInnen verständigen können (vgl. Royal Society 2004: 5).

Meine These ist, dass es sich bei der Nanotechnologie nicht um eine bestimmte Technologie oder Methode und auch nicht um eine bestimmte Anwendung oder ein Forschungsfeld handelt. Vielmehr wird „Nanotechnologie” als Schlagwort verwendet und damit ein Mythos bzw. ein leerer Signifikant (vgl. 1996: 36ff.) konstruiert. Dieser leere Signifikant fungiert als ein Akt der Repräsentation, mit dem Ziel, dass bestimmte partikulare Interessen über hegemoniale Artikulation an die Stelle des „Allgemeinen”, hier des Gemeinwohls, treten sollen. Es handelt sich m.E. also weniger um eine spezifische Technologie als vielmehr um ein gesellschaftliches Projekt oder besser, um verschiedene gesellschaftliche Projekte unter dem Label Nanotechnologie.

Mit der Beschreibung der Nanotechnologie als gesellschaftliches Projekt meine ich nicht, dass es keine „wirklichen“ technologischen Veränderungen gäbe oder das Projekt keine „reellen“ Auswirkungen auf Mensch und Gesellschaft hätte. Die Nanotechnologie – als ein Ensemble verschiedener Technologien und als gesellschaftliches Projekt – hat m.E. das Potential, die materiellen Lebensbedingungen vieler Menschen drastisch zu verändern. Ich möchte in diesem Beitrag aufzeigen, dass diese Prozesse aktiv und strategisch vorangetrieben werden. Gleichzeitig handelt es sich nicht um die eine Strategie und das Interesse einer bestimmten Gruppe, sondern vielmehr um sehr verschiedene Interessen und Strategien, die sich unterschiedlich artikulieren und durchaus Widersprüche produzieren können. Auf der ökonomischen Ebene besteht, so meine These, unter anderem deshalb ein großes Interesse an den Prozessen und Methoden unter dem Label Nanotechnologie, weil diese eine neue Phase der Inwertsetzung einleiten, indem der molekulare Bereich für die Vergabe von Eigentumsrechten und somit für Akkumulationsprozesse aufgeschlossen wird. Auf der politisch-administrativen Ebene unterstützt der Mythos Nanotechnologie den Umbau der Industriegesellschaften hin zu Wettbewerbsstaaten mit einer eher wissensbasierten ökonomie. Bezogen auf Europa soll die Nanotechnologie als Integrationsmoment zur Herstellung einer europäischen Identität dienen. Und global beginnt ein Rennen zwischen den Industriestaaten um die Vormachtstellung innerhalb der Nanotechnologie, von dem der globale Süden von vornherein ausgeschlossen ist.

Zur Beantwortung der Frage, ob die Nanotechnologie gesellschaftlich durchgesetzt werden kann, beziehe ich mich insbesondere auf die Diskurstheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe. Eine diskurstheoretische Perspektive auf die Nanotechnologie soll Macht- und Interessenkämpfe bei der Gestaltung der Technologieentwicklung betonen und Sichtweisen hinterfragen, die von unvermeidbaren technologischen Entwicklungsprozessen und stabilen Grenzen zwischen ökonomie, Politik und Wissenschaft ausgehen (vgl. Gottweis 1998: 50). Dem Begriff der Hegemonie kommt hierbei eine zentrale Bedeutung zu. Denn das Ringen um Hegemonie macht vor allem in (kapitalistisch organisierten) Demokratien das entscheidende Moment von Politik aus. Hinsichtlich der Durchsetzung der Nanotechnologie als gesellschaftliches Projekt wird zukünftig entscheidend sein, welche Artikulationen von Bedeutungszusammenhängen hegemonial werden können. Mit Hegemonie bezeichnet Antonio Gramsci die Erlangung einer stabilen Situation, in der eine bestimmte Klassenfraktion in der Lage ist, ihre Interessen in einer Art und Weise zu artikulieren, dass die beherrschten Klassen diese Interessen als ein Allgemeininteresse ansehen – Hegemonie im Sinne eines aktiven Konsenses der Beherrschten (vgl. Gramsci 1971: 180ff.). Diese Konzeptualisierung von Hegemonie beinhaltet eine Auffassung von Macht, die vor allem auf der Fähigkeit beruht, die Interessen einer bestimmten Klassenfraktion als u.a. sozio-ökonomische, politische, kulturelle Strukturen zu universalisieren. Eine herrschende Klasse ist hegemonial und nicht nur dominant, wenn ihre Autorität von den anderen sozialen Klassen anerkannt wird. Eine Hegemonie ist um so stabiler, je mehr sie nicht nur passiv toleriert, sondern auch aktiv unterstützt wird. Die herrschenden Kräfte müssen daher auch bis zu einem bestimmten Grad die Interessen anderer Klassen berücksichtigen. Die Kongruenz von Interessen kann darüber erreicht werden, dass die Interessen verschiedener Gruppen bereits in der Gestaltungsphase von Institutionen oder Projekten beachtet werden und mit ihnen verschmelzen, so dass sie gleichgesetzt werden mit der Institution oder dem Projekt selbst (vgl. Cox 1996: 99f.).

Durch eine diskurstheoretische Wendung der Hegemonietheorie Gramscis können die Auffassungen von Diskurs und Hegemonie miteinander verknüpft werden (vgl. Laclau/ Mouffe 2001: 134ff.). Hegemonie entsteht dann durch eine Praxis, die bestimmte Sinnbeziehungen und Bedeutungsmuster so artikuliert, dass sie von vielen Menschen als richtig und wahr angesehen werden. Sie kann als eine soziale Beziehung verstanden werden, als die Ausweitung eines bestimmten Diskurses in einen Horizont sozialer Orientierung und Aktion vieler Menschen. Durch dieses In-Beziehung-Setzen werden bestimmte Elemente zumindest temporär fixiert und mit bestimmter Bedeutung versehen. Allerdings kann kein Subjekt souverän durch sein Handeln die Bedeutung von Diskursen verändern. Vielmehr versuchen AkteurInnen über strategische Artikulationen, den Narrationen, bestimmte Bedeutungen und Interpretationen festzuschreiben. über hegemoniale Narrationen kann temporär eine gewisse Klarheit, Stabilität und Ordnung in das zur Verfügung stehende Repertoire der politischen Visionen erlangt und z.B. kulturelle, politische und ökonomische „Realitäten“ organisieren werden. Hegemoniale Narrationen gestalten Gesellschaft, denn „Gestaltung zielt darauf ab, die Bühne für mögliche Vergangenheiten und Zukünfte neu einzurichten“ (Haraway 1995: 118). Politik kann demnach als narrativer Prozess beschrieben werden, der komplexe Systeme der Repräsentation verwendet, und den Versuch darstellt, die Bedeutung von Ereignissen zu bestimmen und eine stabile (also hegemoniale) Situation zu schaffen. Ein solcher Hegemoniebegriff unterscheidet sich von einem Verständnis von Hegemonie, das häufig im Feld der internationalen Beziehungen anzutreffen ist und mit Hegemonie eher die Dominanz eines Zentrums (oder eines Staates) gegenüber der Peripherie (bzw. anderer Staaten) meint. Vielmehr kann eine poststrukturalistische Hegemonietheorie die unterschiedlichen „großen“ und „kleinen“ gesellschaftlichen Prozesse in den Blick nehmen und danach fragen, welche Kräfte, Projekte und/oder Bedeutungen sich jeweils hegemonial durchsetzen.

Ob die Nanotechnologie von der Bevölkerung akzeptiert wird und sich eine nanotechnologische Revolution durchsetzen kann, hängt also davon ab, ob sie als gesellschaftliches Projekt hegemonial werden kann und damit in der Lage ist, eine Oberfläche der Einschreibungen und Artikulationen für eine Breite an Wünschen, Bedeutungen, Interessen und Glauben bereitzustellen. Sie muss durch kongruente Argumentationsketten als gesellschaftlich wünschenswert „(kon)-textualisiert“ und Fortschritte in der Nanotechnologie mit gesellschaftlichem Fortschritt und dem Gemeinwohl schlechthin gleichgesetzt werden. Die Nanotechnologie als gesellschaftliches Projekt zu begreifen, öffnet daher eine Perspektive auf gesellschaftliche Kämpfe und Auseinandersetzungen.

Literatur:
Cox, Robert W. (1996): Social Forces, States and World Orders: Beyond International Relations Theory, in: Cox/ Sinclair (Hrsg.): Approaches to world order, Cambridge: CUP, 85-123
Gottweis, Herbert (1998): Governing Molecules. The Discourse Politics of Genetic Engineering in Europe and the United States, Cambridge/ London: MIT Press
Gramsci, Antonio (1971): Selections from the Prison Notebooks, London: Lawrance & Wishart
Haraway, Donna J. (1995): Monströse Versprechen, in: Haraway, D. (Hrsg.): Monströse Versprechen, Hamburg: ??? 71-78
Laclau, Ernesto (1996): Emancipation(s), London/ New York: Verso
Laclau, Ernesto/ Mouffe, Chantal (2001): Hegemony and Socialist Strategy: Towards a Radical Democratic Politics, London/ New York: Verso, 2. ed.
Royal Society (2004): Nanoscience and nanotechnologies: opportunities and uncertainties, Plymouth: Latimer Trend
Wullweber, Joscha (2006): Der Mythos Nanotechnologie. Die Entstehung und Durchsetzung einer neuen Inwertsetzungstechnologie, in: Peripherie, Vol. 101/102 (Eigentum: Aneignen, Enteignen, Nutzen), 99-118