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Florentin Saha Kamta (Universität Paderborn)

Re-writing Ethnizität und Gender: Nationale und Geschlechteridentitäten im Zuge von Transformationsprozessen


Wie lassen sich die im Kontext der Globalisierung, Mobilität und Diaspora eingetretenen Verschiebungen nationaler und Geschlechteridentitäten sowohl in ehemaligen imperialen Zentren als auch in den ‚Peripherien‘ beschreiben? Können Post-Ansätze (Poststrukturalismus, Postkolonialismus, Postfeminismus) als Instrumentarien zurate gezogen werden, um die komplexen, binären und in sich widersprüchlichen Bedeutungsgrößen von alt/neu, Wir/Ihr, Frau/Mann etc. in der Produktion von Wissen und in der Stabilisierung von Machtverhältnissen innerhalb moderner Gesellschaften begrifflich zu erfassen?

Als entscheidender Anstoß für eine radikalere Entgleitung von Bezugsrahmen und identitären Achsen um Nation und Geschlecht kann ein Ereignis jüngsten Datums erwähnt werden, welches seither weitere Zersplitterungen mit sich zieht: die Präsenz von ‚Gastarbeitern‘ in Deutschland.

Das Rotationsprinzip, auf dessen Grundlage diese auf ‚Reproduktion des Kapitals‘ reduzierten Gruppen angeworben wurden, sollte in erster Linie vermeiden, dass es innerhalb der deutschen Gesellschaft zu dialogischen Verhältnissen (vgl. Bachtin 1969) zwischen den Einheimischen und den Arbeitsimmigranten kommt. Diese sollten nämlich – nachdem sie ausgedient haben – in ihre verschiedenen Heimatländer zurückkehren. Die aus der räumlichen Deplatzierung und der räumlich-zeitlichen Koexistenz verschiedener ‚Ethnizitäten‘ hervorgehenden psychologischen wie sozialen Dislokationen wurden dabei kaum erwogen.

Insgesamt kann – ausgehend von der gegenwärtigen Multikulturalismus-Debatte – festgestellt werden, dass das Ereignis ‚Gastarbeit‘ eine Geschlechterkrise im Sinne der Zersplitterung sozialer Institutionen um die Familie herbeiführte, aber auch eine Zersplitterung des Ich zwischen sozialem Zwang und Begehren, zwischen ‚Reich werden‘ und Abgeschottet-sein, Zersplitterungen, die sich nicht nur in den Heimatländern der Arbeitsmigranten, sondern auch in den Metropolen festzustellen sind, in denen sie leben. Aus der Erwägung heraus, dass nationale Diskurse immer mit Geschlechterdiskursen verschränkt sind, soll am Beispiel der ‚Literatur der Alterität‘ oder der deutschen ‚Migrantenliteratur‘ das Terrain abstecken, wo sich diese verschiedenen Krisen wuchern.

Liest man diese Literatur „von Außen“ im Anschluss an die kritische Weißseinsforschung in Deutschland als eine widerständige Reaktion auf den deutschen Normalitätsdiskurs, welcher ethnisierte und rassifizierte Minderheiten in die Ränder der Gesellschaft verdrängt und ausgrenzt, so kann davon ausgegangen werden, dass es besonders diesen Minderheiten darauf ankommt, sich schreibend den Status von Subjekten gesellschaftlicher Diskurse zu erkämpfen.

Multikulturelle Minderheiten in Deutschland, soweit der Blick auf ihre Texte verrät, sind durch eine Doppelung gekennzeichnet. Nicht nur durch ihre ‚gleichzeitige‘ Zugehörigkeit zu zwei Kulturen, die ihre ambivalente, d. h. uneindeutige Positionierung im Raum von sprachlich-nationalen Kulturwelten markiert. Doppelung heißt auch Selbstspaltung und Selbstdoppelung. Die Geschichten und Identitäten von Mitgliedern von Diaspora-Gemeinschaften sind immer mit einem bestimmten Schweigen und Ablehnen durchkreuzt (vgl. H. Bhabha 2007, S. Hall 1994): In den Entwürfen der Nation werden sie immer als Teilphänomen, als ein Problem von Außen angesehen und ko-existieren zwar, aber immer nur am Rande.

Texte von Chima Oji (deutsch-nigerianisch), Tekinay (deutsch-türkisch), Biondi (deutsch-italienisch) und Nadolny (Deutschland) zeigen, dass ‚Migranten‘ aufgrund subalterner Existenzen - d. h. aufgrund einer nicht als selbstverständlich angenommenen und deshalb nur innerhalb bestimmter Demarkationslinien möglichen Präsenz – zu einer ‚Wiederentdeckung‘ der eigenen Herkunft neigen. Besonders aus den Texten von Biondi und Tekinay geht hervor, dass Migrant/innen in ihren Heimatländern nur dann als dazugehörig aufgenommen werden, wenn sie dem stereotypisierten Bild der Heimkehrer entsprechen. Die Unmöglichkeit einer solchen Entsprechung und der Zwang der Zugehörigkeit führen sowohl zu der Krise der Persönlichkeit als auch zu der Krise der Familie innerhalb von Diasporagruppen.

Doppelung ist aber auch in dem Sinne zu verstehen, dass Arbeitsmigranten und andere Ausländer/innen zwar in der Aufnahmegesellschaft von der Kapitalideologie als sehr produktiv eingestuft sind (vgl. Tekinay), dennoch immer als etwas Äußerliches, Gefährliches angesehen, das stets einquartiert und überwacht werden muss. Für die Arbeiterklasse gelten sie als Projektionsfolie für die Ängste der Zukunft.

Solche Ängste sind aber Ausdruck einer in zweifacher Hinsicht sich vollziehenden Krise innerhalb der Aufnahmegesellschaft: Krise der Männlichkeit und damit verbunden Versagen jeden Vereinheitlichungsversuchs des Nationaldiskurses.

Die räumlich-zeitliche Ko-Präsenz verschiedener Ethnizitäten und Identitäten führt zur Herausbildung transversaler Verbindungen: Die Frau definiert ihr Sexualverhalten neu (vgl. Nadolny, Biondi, Tekinay) und widersetzt sich den herkömmlichen patriarchalischen Geschlechterverhältnissen. Aber auch die Migrantin definiert ihre Rolle neu und erfordert vom Migranten, zumal ihrem Lebenspartner, ein ‚Umdenken‘. So entstehen neue Verbindungen (Deutsche - Migrant; Migrantin - Deutscher; aber auch Frau-Frau). Solche Verbindungen ersetzen die alten nicht, sind aber gerade deswegen als Beleg für punktuelle, d. h. nicht absolute Verbindungen zu lesen, die der Verwirklichung des Begehrens der jeweiligen Akteure dienen. Sie zeugen von einer Pluralität, die es unmöglich macht, dass die Gruppe im Kontext der Begegnung mit den ‚Anderen‘ noch einen einheitlichen Geschlechter- und Nationaldiskurs hervorbringen kann.

Auch wenn beide Frauen sich gegen die alte, klassische Rolle der Frau definieren und dadurch die tradierten Identitätskonzepte und deren Normen (Normen um das Sexualverhalten z. B.) zersprengen, muss auch hinzugefügt werden, dass eine alles umfassende, ausschließlich aus der Frau-Mann-Dichotomie herausragende allgemeine Kategorie der Frau als Objekt und Opfer männlicher Lüste auch nicht unschuldig ist. Sie versieht nämlich die Positioniertheit der jeweiligen Frauen durch die Achsen von ‚Rasse‘, Ethnie, Religion, Klasse, sexueller Orientierung etc. mit einem Schweigen. Dies erklärt den Ansatzpunkt der kritischen Weißseinsforschung – auch in veränderter Form Intersektionsstudien genannt – die sich neben der Kritik an dem sogenannten deutschen Normalitätsdiskurs einer ausführlichen Untersuchung der Interdependenzen ‚Rasse‘/Ethnie, Gender und sozialem Status widmet.

Allgemein kann geschlussfolgert werden, dass diese transversalen Verbindungen sich dem Regime des Wissens entziehen, dass sie der Kontrolle durch irgendwelche diskursiven Regulativen entgleiten, sei es durch die Agenturen der sexuellen Ideologie oder jene der nationalen Ideologie. Sie drücken die Komplexität der Orientierungsrahmen innerhalb moderner Gesellschaften aus, die Widersprüche innerhalb der durch die kulturelle Ordnung aufgestellten Binaritäten, die Ambivalenz moderner Subjekte zu Zeiten der Globalisierung und Diaspora. Solche Schwellesituationen stellen die Vereinheitlichungspraktiken nationaler Kulturen zur Abrede und führen zu Reartikulationsprozessen, die darauf hinauslaufen, die ‚alte‘ Ordnung durch die Aufstellung einer neuen Äquivalenzkette wiederherzustellen. Darin drückt sich das Diasporische aus als Moment der Streuung, des Verlusts der zentralen Rolle einer jeden Gesellschaft, einer jeden identitären Größe in der Produktion von Bedeutung und der Vermittlung von Wissen.

Mit Postkolonialität können deshalb vor diesem Hintergrund sowohl die gegenwärtigen Konstellationen in ehemaligen kolonialisierten Länden als auch in ‚westlichen‘, d. h. industrialisierten und entwickelten westeuropäischen, nordamerikanischen wie in anderen nicht-entwickelten Ländern erfasst werden.